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Eltern von Sternenkindern bleiben Eltern

Story

01. Juli 2020

Früher wurden sie still beerdigt und hatten keinen Namen, die Eltern wurden mit ihrer Trauer allein gelassen. Kinder, die noch in der Schwangerschaft oder kurz nach der Geburt gestorben sind, heissen heute Sternenkinder. Und ihre Eltern werden einfühlsam begleitet. Die Hebammen Regula Aeberli (A), Fachexpertin Gebärabteilung, Leandra Oanni (O), Fachgruppe Trauer und Kindsverlust, und Anne-Catherine Metry (M), Kursleiterin für Sterneneltern erzählen, welche Bedürfnisse die Eltern haben und wie sie am USZ unterstützt werden. Zum Beispiel mit einem neuen Kurs.

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Regula Aeberli, Sie sind seit 23 Jahren Hebamme. Wann hat der Wandel im Umgang mit den Sternenkindern eingesetzt und was waren die Gründe?

A.: Der Wandel setzte vor etwa zwanzig Jahren ein. Damals kam zum ersten Mal die Bezeichnung «Sternenkinder» auf. Endlich gab es einen Namen für die Kinder, die noch während der Schwangerschaft, der Geburt oder kurz danach gestorben waren. Die Initiative dazu kam von Eltern, die darunter litten, dass die Schwangerschaft und das Kind geradezu totgeschwiegen wurden – als hätten sie nie existiert. Das widersprach ja völlig ihrer Wahrnehmung.

Wie haben Sie und Ihre Kolleginnen darauf reagiert?

A: Am Anfang organisierten wir uns informell, wir haben sogar die Trauerkarten selbst gemacht. Recht schnell haben wir dann interne Weiterbildungen angeboten. Die Klinik hat unsere Aktivitäten von Anfang an gefördert. So konnten wir bald klare Strukturen und Prozesse schaffen.

Wie sind Sie heute organisiert?

O.: Grundsätzlich begleitet immer die Geburtshebamme die Eltern. Die meisten Hebammen am USZ machen diese Begleitungen auch gerne. Es gibt zudem eine Trauergruppe, in der Hebammen engagiert sind, die sich des Themas besonders annehmen. Bei ihnen können sich die begleitenden Hebammen auch Unterstützung holen. Oft reicht aber schon der Austausch mit einer nahen Kollegin, um eine spezielle Situation oder belastende Momente zu besprechen oder gemeinsam zu bewältigen.

Wann und warum sterben die Kinder?

M.: Viele von ihnen sind einfach nicht lebensfähig, etwa wegen einer Fehlbildung von Herz oder Lungen, oder wegen eines schweren Gendefekts. Oft bleibt die Ursache auch unbekannt. Sie sterben kurz nach der Geburt oder noch während der Schwangerschaft. Wenn ein Kind nicht lebensfähig ist, entscheiden sich die Eltern mitunter auch für einen Abbruch der Schwangerschaft.

Wie viele Kinder sterben denn am USZ?

M.: Im Gebärsaal starben in den letzten zwei Jahren 220 Kinder. Dazu kommen die Kinder in der Klinik für Neonatologie, wo frühestgeborene Kinder behandelt werden. Deren Eltern werden im Todesfall von den Kolleginnen dieser Klinik begleitet. Am USZ betreuen wir viele Risikoschwangerschaften. Das bringt es leider mit sich, dass bei uns mehr Kinder sterben als in anderen Geburtskliniken.

Sie begleiten Eltern in einer besonders schwierigen Situation: sie haben sich auf ein Kind gefreut und sind nun mit dem Tod ihres Kindes konfrontiert. Wie läuft die Begleitung der Eltern ab?

A.: Wenn beispielsweise feststeht, dass ein Kind in der Schwangerschaft gestorben ist, führt die Hebamme ein Kindsverlustgespräch mit den Eltern. Das geschieht, noch bevor weitere Entscheide gefällt werden. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass das Wichtigste ist, überhaupt erst einmal Raum zum Reden zu schaffen. Wir erläutern den Eltern im Gespräch auch alle Möglichkeiten und zeigen ihnen auf, dass sie – in den meisten Fällen – nicht sofort entscheiden müssen, etwa ob sie dem Kind einen Namen geben, ihm Kleider anziehen oder etwas ins Grab mitgeben möchten, oder auch wie sie ihr Kind beerdigen wollen. Und genügend Zeit ist, ihren Entscheid auch zu ändern.

Trauern Eltern unterschiedlich?

O.: Sie trauern alle individuell. Manche fühlen sich in religiösen Ritualen aufgehoben, manche suchen ihren ganz eigenen Weg. Manche trauern als Paar, manche beziehen die Familie mit ein. Oder die Geschwisterkinder. Die gehen oft vergessen oder werden ferngehalten. Das ist gut gemeint. Aber auch sie sind in Trauer oder können besser verstehen, warum die Eltern traurig sind, wenn sie einbezogen werden. Wir haben schon sehr rührende Momente erlebt, wenn Geschwister Abschied nehmen und beispielsweise Zeichnungen für ihren Bruder oder ihre Schwester mitbringen.

Was können Sie Eltern in dieser Situation anbieten? Was hilft ihnen am meisten?

M.: Am meisten hilft erst einmal das Gespräch. Dieses wird den Eltern in erster Linie durch die Hebamme angeboten, oft wird es im Verlauf durch eine Psychologin oder eine Seelsorgerin unterstützt. Am Universitätsspital Zürich haben wir die Möglichkeit, mit den Eltern unseren Begegnungsraum zu nutzen, in dem sie sich auch gemeinsam mit den Angehörigen und dem verstorbenen Kind zurückziehen und so in aller Ruhe Abschied nehmen können. Hier darf die Familie auch Rituale oder eine Segnung durchführen, die von der Hebamme, einer Pflegefachfrau oder der Seelsorgerin begleitet werden. Die Eltern können – was viele nicht wissen – das Kind vorübergehend auch nach Hause mitnehmen. Zudem hilft es den meisten Eltern im Trauerprozess, wenn möglichst viele Erinnerungen an ihr Kind geschaffen werden. Da der Zeitraum, in dem sie ihr Kind kennenlernen dürfen meist sehr klein ist, ist es deshalb wichtig, dass wir viele Fotos vom Kind, jedoch auch von der ganzen Familie als Andenken machen. Darüber hinaus brauchen die Eltern auch ganz praktische Informationen, etwa, welche Bestattungsmöglichkeiten es gibt und welche Ämter sie in den kommenden Tagen kontaktieren sollten. Auch da hat ein Wandel stattgefunden.

Ab September bieten Sie einen Sternenelternkurs an. Warum und für wen genau ist er gedacht?

M.: Ein Kind in der Schwangerschaft oder nach der Geburt zu verlieren, ist eine äusserst belastende Situation. Wir nehmen nach einiger Zeit mit den Eltern von Sternenkindern wie mit allen Eltern noch einmal Kontakt auf und haben die Erfahrung gemacht, dass sich die Eltern im Spital und in der ersten Zeit noch gestützt, danach aber oft allein fühlen. Auch wenn die Zeit mit ihrem Kind nur kurz war, sind und bleiben sie seine Eltern. Im Kurs können sie sich mit ihrer Situation auseinandersetzen, unterstützt von erfahrenen Hebammen und Psychologen und im Austausch mit anderen Betroffenen. Themen sind unter anderem die langfristige Trauerbewältigung und die Neuorientierung oder die Verunsicherung in einer Folgeschwangerschaft. Der Kurs soll jedoch auch viel Freiraum lassen für den geleiteten Austausch und das Zulassen von Gefühlen. Es geht dabei nicht nur um Trauer und dass das Kind vermisst wird. Viele Frauen lehnen ihren eigenen Körper nach dem Verlust eines Kindes ab oder werden von Schuldgefühlen geplagt. Je ein Abend ist nur für die Mütter und für die Väter reserviert. Denn Eltern trauern gemeinsam, aber Väter und Mütter auch für sich auf ganz eigene Weise.

Informationen zum Kurs für Sterneneltern