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Story

76 Minuten Wettlauf gegen die Zeit

01. Juni 2021

Herzinfarkt! Begleiten Sie die fiktive Patientin Frau Müller auf die Notfallstation des USZ.

Damit keine Patienten mit COVID-19 ungeschützt ins Spital spazieren, findet die Prätriage vor dem Notfall statt. Fachfrau Gesundheit Tatjana Sturm befragt die Patienten nach COVID-19-Symptomen und misst die Körpertemperatur.

​Frau Müller sitzt auf einem Stuhl und atmet schwer. Sie telefonierte gerade auf dem Balkon mit ihrer Schwester, als ihr plötzlich übel wurde, sie einen unangenehmen Druck im Oberbauch und in der Brust bemerkte und sich hinsetzen musste. Sie ruft ihren Mann, der das Geschirr vom Mittag spült. Herr Müller erstarrt, als er seine bleiche, schwitzende Ehefrau sieht. Für ihn ist klar: Wir müssen sofort auf die Notfallstation. In Windeseile fährt er seine Ehefrau an die Schmelzbergstrasse 8. Frau Müller ist unser fiktives Beispiel, stellvertretend für 1700 Patientinnen und Patienten, die jedes Jahr mit Brustschmerzen am Institut für Notfallmedizin des USZ behandelt werden. Begleiten Sie sie auf ihrem Weg.

Minute 1: Vor der Notfallstation
Das Ehepaar wird bereits auf dem Vorplatz der Notfallstation empfangen. Frau Müller wird nach ihren Beschwerden gefragt und ob sie Symptome wie Husten, Halsschmerzen oder Fieber hat. Hat sie nicht. Kein Verdacht auf das Coronavirus. Die Fachfrau Gesundheit begleitet Frau Müller umgehend an die Leitstelle der Notfallstation. Herr Müller wartet draussen. Wegen des Coronavirus sind keine Angehörigen auf dem Notfall erlaubt. Herr Meier lässt seine Frau nur ungern alleine in dieser Situation. Es beruhigt ihn etwas, dass die Fachfrau Gesundheit ihm erklärt, wie es nun weitergeht, und dass er mit seiner Frau telefonisch in Kontakt bleiben kann.

 

Erst war es ein Zelt, nun steht seit Monaten ein zweiter auffälliger weisser Container vor dem Notfall des USZ. Damit COVID-19-Infizierte nicht mit anderen Patientinnen in Kontakt kommen, werden sie bereits vor dem Notfall abgefangen und müssen bis zur Aufnahme im Prätriage-Container warten. Die Arbeit in der Prätriage ist eine zusätzliche 24/7-Aufgabe, die das Pflegeteam des Instituts für Notfallmedizin seit der ersten Minute der Pandemie stemmt. «Neben der Vorabklärung auf COVID-19 kümmern wir uns auch um die Angehörigen», sagt Tatjana Sturm, Fachfrau Gesundheit. «Am Anfang der Pandemie war es sehr schwierig für die Angehörigen, und wir mussten viel diskutieren und beruhigen. Inzwischen ist den Leuten aber bewusst, dass im Spital Besuchsbeschränkungen oder -verbote gelten.»

Minute 2: Ersteinschätzung
Während ihr Ehemann draussen an der Prätriage informiert wird, gibt Frau Müller an der Leitstelle ihre Personalien an und wird von der Expertin für Notfallpflege zu ihren Symptomen befragt. Seit wann hat sie Schmerzen? Hat sie einen Schlag oder Stoss auf die Brust erhalten? Ist der Schmerz stechend, brennend oder drückend? Wo schmerzt es genau? Hat sie Mühe beim Atmen? Danach wird Frau Müller in die Kernzone direkt hinter der Leitstelle übergeben.

Die Einschätzung der Dringlichkeit der eintretenden Patienten nach dem Emergency Severity Index, kurz ESI, ist die wichtigste Tätigkeit der Leitstelle des Notfalls. Die Triage entscheidet darüber, wie schnell und wo die Patienten behandelt werden. «ESI ist fünfstufig. Patientinnen der Stufe 4 und 5 sind leichte Fälle und werden dem direkt neben dem Notfall liegenden Fast Track zugewiesen. Je tiefer die ESI-Zahl, desto mehr Ressourcen werden benötigt, und desto kürzer ist die angestrebte Reaktionszeit. Die Einschätzung ist also sehr wichtig für einen adäquaten Behandlungsstart», erklärt die Pflegefachfrau Eva Waldispühl. Sobald die Patientin erfasst und eingeschätzt ist, wird sie elektronisch im Dashboard der Notfallstation erfasst.

Minute 4: Herzkurve schreiben
Frau Müller liegt in einer Patientenkoje der Notfallstation. Der Experte Notfallpflege klebt ihr gerade die zehn Elektroden des Elektrokardiogramms auf Brust, Arme und Beine und startet das Gerät. Die Herzkurve wird anschliessend durch eine Kaderärztin des Instituts für Notfallmedizin beurteilt. Im EKG ist nichts Eindeutiges ersichtlich, erklärt sie Frau Müller. Entwarnung kann die Notfallmedizinerin aber noch nicht geben. Es braucht weitere Abklärungen.

Die 20 Patientenkojen des USZ-Notfalls sind an den Wänden des grossen quadratischen Raums und in angegliederten Zimmern platziert. In der Mitte befindet sich das Herzstück, das sogenannte Cockpit: Über zahlreiche grosse Screens behalten Pflegende und Ärztinnen die Vitalzeichen der Patientinnen im Auge, besprechen und beraten sich. Hier wird ihnen auch angezeigt, wenn die Leitstelle einen neuen Patienten anmeldet und welche Fachkräfte diesem zugeteilt sind. «Verantwortlich für diese Zuteilung ist eine Expertin Notfallpflege, die an diesem Tag die Koordination übernimmt. Sie entscheidet anhand der Einschätzung nach ESI, wer sich um die Patientin kümmert», erläutert Sarah Ruff, Expertin Notfallpflege. Diese organisatorische Aufgabe ist entscheidend für die Patientensicherheit. «Durch die sehr strukturierten Prozesse können wir die definierten Reaktionszeiten gut einhalten. Bei Brustschmerzen muss beispielsweise innert maximal zehn Minuten ein EKG gemacht werden», ergänzt Sarah Ruff.

Minute 7: Viele Schläuche und Kanülen
Während der zuständige Assistenzarzt der Patientin erklärt, welche weiteren Abklärungen folgen, und ihr Fragen zu ihrer Krankheitsgeschichte stellt, beginnen die Experten Notfallpflege mit den weiteren Massnahmen. Sie legen Zugänge für Infusionen, nehmen Blut, messen Blutdruck, Puls und Sauerstoffsättigung. Zusätzlich werden Frau Müller die Elektroden des Defibrillators auf die Brust geklebt. Dies dient der Sicherheit, falls sich ihr Zustand plötzlich verschlechtern sollte. Zwei bis drei Fachspezialisten arbeiten nun parallel an und um Frau Meier. Das stört sie aber nicht. Sie ist froh, dass man sich um sie und ihre Beschwerden kümmert. 

«Ohne klare Richtlinien und Standards wäre die Notfallmedizin ein Chaos», sagt Judith Engeler, Oberärztin Notfallmedizin. Wenn Sekunden über den weiteren Verlauf eines Patienten entscheiden, muss jeder Handgriff sitzen. «Weil wir uns an den immer gleichen internationalen notfallmedizinischen Standards und Abläufen bei der jeweiligen Verdachtsdiagnose orientieren, weiss jedes Teammitglied, was zu tun ist, kann effizient arbeiten, und es bleibt Raum für all die unvorhergesehenen Entwicklungen, die auftreten können», ergänzt die erfahrene Oberärztin.

Im Team gehts besser: Oberärztin Judith Engeler (rechts) bespricht einen Patienten mit der Direktorin des Instituts, Dagmar Keller Lang.

Minute 13: Morphium gegen die Schmerzen 
Neben anderen Werten muss nun der Laborwert des Herzenzyms Troponin abgewartet werden. Ist er erhöht, kann ein Herzinfarkt vorliegen. Es dauert maximal eineinhalb Stunden, bis der Wert da ist, erfährt Frau Müller vom Assistenzarzt. Sie erhält zusätzlich zu anderen Medikamenten auch Morphium gegen die Schmerzen. Das Morphium hilft zudem dabei, den etwas hohen Blutdruck von Frau Müller zu senken, weil es die Gefässe erweitert. So wird ihr Herz entlastet. Nun kehrt etwas Ruhe ein. Frau Müller ruft ihren Ehemann an.

Seit Beginn der Corona-Pandemie hat die USZ-Notfallstation zusätzlich zu den regulären Notfällen 6000 Personen mit einer Corona-Infektion oder mit Verdacht auf eine solche betreut. COVID-19-Infizierte werden räumlich getrennt von den anderen Patienten versorgt, um Ansteckungen zu verhindern. Die Corona-Pandemie ist eine hohe Zusatzbelastung für das Personal, bringt im Notfall des USZ aber auch Herausforderungen bezüglich der Infrastruktur mit sich. «Räumlich sind wir mit den jährlich bis zu 45’000 Patienten bereits überlastet. Corona verschärft die Situation nun zusätzlich», präzisiert Dagmar Keller, Direktorin des Instituts für Notfallmedizin.

Minute 52: Herzinfarkt!
Frau Müller muss sich übergeben und hat erneut grosse Schmerzen im Oberbauch, in der Brust und neu auch im Rücken und Nacken. Es wird ein weiteres EKG angeordnet. Nun ist eine Veränderung ersichtlich, ein sogenannter ST-Hebungsinfarkt. Die Notfallstation informiert die Kardiologie. Die Herzspezialisten werden bei Frau Müller die verschlossenen Herzkranzgefässe wiedereröffnen.

Die Notfallmedizin ist ein vergleichsweise junger Fachbereich. Notfallstationen gibt es zwar schon länger, wurden früher aber von Ärztinnen und Ärzten aus verschiedenen Fachbereichen betreut – medizinische Patienten von Medizinern und chirurgische von Chirurgen. Heute geschieht die Notfallversorgung durch ausgebildete Notfallmediziner, unabhängig von der anschliessenden Behandlung. Neben gesteigerten Kompetenzen in der Notfallversorgung ermöglicht dies auch, dass die ärztlichen Ressourcen auf der Notfallstation nach Arbeitslast anstatt nach Fachbereich verteilt werden. Assistenzärztinnen und -ärzte verschiedener USZ-Kliniken arbeiten rotierend auf der Notfallstation für ihre Notfallausbildung.

Minute 59: Herzkatheter-Untersuchung
Auch der gemessene Troponinwert spricht für die Diagnose Herzinfarkt. Frau Müller wird vom Kardiologen über den bevorstehenden Eingriff aufgeklärt. In einer Herzkatheter-Untersuchung wird ein dünner Draht über die Blutbahn von der Leiste zu ihrem Herzen vorgeschoben. Mit Kontrastmittel werden die Herzkranzgefässe sichtbar gemacht und das verschlossene Gefäss identifiziert. Ist der Verschluss klein, kann das Gefäss direkt in der Untersuchung mit einem aufblasbaren Katheter gedehnt werden. Falls ein komplexer Verschluss vorliegt, muss Frau Müller eventuell operiert werden. Frau Müller willigt ein und informiert ihren Mann telefonisch.

Neben den 120 Pflegenden und 41 Ärztinnen und Ärzten der Notfallstation arbeiten diverse andere Disziplinen und Bereiche in der Notversorgung der Patientinnen mit. Beispiele dafür sind das Labor, die Radiologie, konsiliarisch zugezogene Fachspezialisten aus den Kliniken, die Anästhesie im angegliederten Schockraum oder auch die Reinigung. «Für mich ist der Notfall meine zweite Familie», sagt Ismail Mohamud, der seit 16 Jahren die Kojen nach jedem Patienten und jeder Patientin reinigt. Auch er folgt klaren Vorgaben und Richtlinien. «Corona macht es auch für uns schwieriger, weil wir viel öfter Schutzkleidung tragen müssen als normalerweise».

Minute 76: Übergabe an die Kardiologie
Frau Müller wird nun vom Experten Notfallpflege und vom Assistenzarzt zum Eingriff gefahren. Um auch unterwegs schnell reagieren zu können, nehmen sie den Defibrillator und den Reanimations-Rucksack mit den Notfallmedikamenten mit. Mit der Übergabe an die Fachspezialisten der Kardiologie endet Frau Müllers Aufenthalt im Institut für Notfallmedizin des USZ. 76 Minuten, in denen sich die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter für sie und ihre Gesundheit voll eingesetzt haben.

Die Kojen werden nach jedem Patienten gereinigt. Ismail Mohamud ist darin Profi: Er arbeitet seit 16 Jahren am USZ in der Spezialreinigung.

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